Mitteldistanz-Debüt – Challenge Heilbronn 2016


24 Wochen Vorbereitung auf das eine Ziel, einen Mitteldistanz-Triathlon zu finishen.

Die erste Ernüchterung kam vor einigen Wochen bei Veröffentlichung der Starterlisten: Als Neuling wurde meine anvisierte & gemeldete Zielzeit ignoriert („Zur Bildung der Startgruppen werden verschiedene Faktoren wie bisherige Triathlons, Altersklasse, Sponsoren (!),… berücksichtigt.“) und ich im letzten Block einsortiert. Somit war sicher, dass ständige Überholvorgänge zum Rennen gehören werden.

Die zweite Ernüchterung kam wenige Tage vor dem Start: Durch die Regenfälle der letzten Wochen ist die Wasserqualität im Neckar so schlecht, dass der Veranstalter aus dem Triathlon einen Duathlon machen musste. Als Ersatz für die 1,9km Schwimmen ging es als erste Disziplin auf eine 5km Laufrunde (die tatsächlich etwas kürzer war), um das Starterfeld für die Wechselzone zum Rad zu entzerren.

Mit der Hilfe von Teamkollegen hatte ich mir eine Rennstrategie zurecht gelegt: Die 5km zurückhaltend laufen, auf dem Rad die erste Stunde einen guten Rhythmus finden, beim abschließenden Halbmarathon die ersten 7km zurückhaltend laufen und in den letzten zwei Dritteln das Tempo falls möglich anziehen.

So weit der Plan.

Einführungslauf & erste Wechselzone

Um 9:55 ertönt der Startschuss für die letzte Gruppe und wir rennen los. Viel zu schnell. Der Puls geht in die Höhe, ich fühle mich gut aber weiß: Das ist nicht vernünftig. Der Versuch Tempo herauszunehmen gelingt nur mäßig, aber zum Glück geht es relativ schnell in die Wechselzone.

Mit einem Trick habe ich mir die richtige Reihe gemerkt – beim Gulli rechts abbiegen – ich finde das Rad sehr schnell, ziehe die Asics FuzeX mit Look Laces von den Füßen, setze den Helm und die Sonnenbrille auf, schließe den Verschluss und renne mit meinem Rennrad los. Über die Linie, auf das Rad in die bereits eingeklickten Schuhe und los auf die 93km lange Strecke.

Challange Heilbronn – Die Radstrecke

Das Windschattenfahren ist verboten und 12m Abstand sind einzuhalten – ich halte mich daran. Ja, leider muss man das explizit erwähnen. Bei der Verpflegung setze ich als Selbstversorger auf eine Flasche mit acht Aktiv3-Gels, verdünnt mit Wasser. Bei einer geplanten Radzeit von ca. 3 Stunden entspricht das bei gleichmäßigem Trinken den vom Körper maximal verwertbaren ~80g Kohlenhydraten pro Stunde und nehme bei der ersten Verpflegungsstation zusätzlich eine Flasche mit Wasser. Die Streckenkenntnis macht sich bezahlt: Bei den Steigungen weiß ich ganz genau, wo ich langsam machen muss und wie lange sich diese ziehen und kann bei den Abfahrten ohne Risiko Gas geben. Von Beginn an sind einige andere Starter aus dem letzten Block (Startnummer >1125), ebenso wie ich, am einsammeln von langsameren Startern aus früheren Wellen und die Nummern der Überholten werden kontinuierlich kleiner. In Haberschlacht geht es auf den 26km langen Rundkurs, welcher von jedem Teilnehmer zwei Mal gefahren werden muss. Die führenden Athlethen sind bereits vorbei, Teilnehmer aus dem ersten Startblock fahren nun mit den Teilnehmern aus dem letzten Startblock an einem Weinberg den „Galgen“ hinauf. Ein gleichzeitiges überholen und überholt werden…

RadstreckeHeilbronnQuelle: Bikemap

Auch wenn das Radfahren gut läuft, es ist anstrengend und irgendwann merke ich sowohl Rücken wie den rechten Oberschenkel. Das ist insofern merkwürdig, weil sich in den letzten Wochen der Vorbereitung der linke Oberschenkel gelegentlich gemeldet hat. Die erste Schleife ist trotzdem schnell gepackt und nun wird es mental auch einfacher: Nur noch ein Mal in Haberschlacht den Galgen hoch und die Abfahrt nach Niedernhofen mit dem folgenden entspannten Stück, das nur eine sanfte Steigung auf dem Weg nach Michelbach aufweist. Am Ortsausgang nur noch ein Mal die kurze Rampe, bevor es nach Zaberfeld geht… drücken bis nach Pfaffenhofen wo der VP und anschließend ein weiterer fieser Anstieg das letzte Mal warten. Zurück nach Hohenhaslach, rechts abbiegen, zurück nach Heilbronn. Am Neipperg reihen sich die Fahrer wie an einer Perlenkette aneinander, nach 75km nochmals eine vorletzte richtige Herausforderung, bevor es zuerst in den Ort hinab und danach wieder aufwärts aus dem Ort heraus geht. Der Rest ist höchstens wellig, aber selbst die kleine Kuhle nach Nordheim fühlt sich nun an wie ein Berg. Die Ritzel sind bereits eher links, um die Beine mit einer hohen Trittfrequenz für den abschließenden Lauf zu lockern. Die Teilnehmer der Olympischen Distanz kommen uns nun entgegen.

Zurück in Heilbronn – schon viele Läufer rechts am Neckar auf der Halbmarathonstrecke unterwegs – die letzten Kurven, Kopfsteinpflaser, Schuhe aufmachen, nochmals den Wechsel im Kopf durchgehen, einen letzten Schluck Wasser nehmen und absteigen.

Wechselzone 2

Rad schieben – die richtige Reihe und den Stellplatz sofort gefunden. Fahrrad sicher abstellen, Schuhe anziehen, Gel greifen, Helm und Brille abziehen und in die Kiste legen. Sailfish Visor aufziehen und los geht es auf die letzte Disziplin. Nur nicht zu schnell loslaufen.

Nur ein Halbmarathon

Die Oberschenkel sagen, dass sie jetzt auch gerne mal Pause haben würden, was aber zu diesem Zeitpunkt noch keine Option ist. Nur noch ein Halbmarathon. Wieder der erste Kilometer viel zu schnell, der zweite ebenso, obwohl ich weiß, dass ich dieses Tempo nicht halten kann. Es geht durch die Innenstadt, an einem Seitenarm des Neckars entlang, parallel zur Radstrecke, über eine Brücke an den Neckar und dann parallel zwischen Neckar und Bundesstraße. Es ist wahnsinnig viel los und die Orientierung, wer vor und hinter einem ist, fehlt mir komplett. Was cool ist sind so manche Leute aus dem Publikum die einen anfeuern – die eigene Ehefrau welche wartet, Teamkollegen die mitfiebern, Fremde die den Namen auf der Startnummer lesen… aber die meiste Zeit ist man alleine unter all den Menschen. Schon in der ersten von drei Runden beginnen die Gedanken, wie „die erste Runde geht auf jeden Fall und die Hälfte ist bereits durch, die zweite könnte hart werden, die dritte zieht man dann einfach durch“. Aber als ich ehrlich zu mir selbst bin muss ich zugeben, dass ich überpaced habe, nun offen bin und den Preis für die taktischen Fehler zahle.

Mitteldistanz_Heilbronn

An einer Verpflegungsstation greife ich nach Wasser, nehme einen Schluck und schmecke die Kohlensäure – sehr unangenehm. Später versuche ich noch das angerührte Iso (sehr süß) und die Cola (wenig Kohlensäure, aber eher angenehm) und greife am Ende nur noch nach Schwämmen… der Lauf ist ein einziges Leiden. Zum Ende der Runde zwei gönne ich mir ca. bei Kilometer 12 oder 13 zum letzten pushen ein Red-Bull Schorle. Nun beginne ich das Rechnen, ob die Sub 5 noch machbar ist. Weil ich mit der Epson nur die Teildisziplinen gemessen habe fehlt die Gesamtzeit. An einer Kirchturmuhr versuche ich die aktuelle Zeit abzulesen. Allerdings funktioniert nun auch der mathemathische Bereich im Gehirn nicht mehr so gut und ich weiß, dass es, falls überhaupt noch realistisch, sehr knapp wird. Es läuft schon lange nicht mehr rund und die Schritte werden immer schwerer langsamer. Die nicht umgesetzte Renntaktik rächt sich in einem nicht erwarteten Maße. Das letzte Mal die Neckarbrücke hoch – das erste Mal eine Gehpause. Viele andere Starter machen das auch so und diejenigen die joggen, bauen auch keinen wirklichen Abstand auf. Nun gilt es nur noch von Kilometer zu Kilometer zu denken und zu laufen. Der Wendepunkt am Neckar, der Rückweg, durch den RedBull-Bogen, in die Fußgängerzone nochmals die kleine Schleife auf der Kaiserstraße. Gleich darf ich rechts auf den Rathausplatz abbiegen und dieser Duathlon hat ein Ende.

Am Ziel

Der Moderator begrüßt andere Finisher vor mir, spricht meinen Namen aus – natürlich falsch – und erwähnt dann, dass ich tatsächlich noch unter den 5 Stunden bleiben kann und nochmals alles geben soll. Die letzten Meter ins Ziel und die erste – nicht richtige – Mitteldistanz ist geschafft. Ich setze mich auf den Boden, kann es noch nicht ganz fassen, lege mich kurz auf den Rücken, lass alles sacken.

Das waren nun 4 Stunden 59 Minuten und 43 Sekunden für etwa 4,5km Laufen, 93km Radfahren mit ~900 Höhenmetern und einen abschließenden Halbmarathon. Das war über ein halbes Jahr Vorbereitung, zwei Mal die Woche Schwimmtraining, Laufen, Radfahren, Koppeln… war es das wert?

Ich stehe auf, nehme meine Medaille entgegen und gehe in den Verpflegungsbereich. Erstmal ein alkoholfreies Bier, etwas Wassermelone, eine Cola… wie gut das alles tut.

Meine Frau wartet am Zaun auf mich, wir unterhalten uns kurz. Wir haben es geschafft. Ich hole mein Finishershirt, mein Drop-Off-Beutel und bleibe noch ein wenig im Zielbereich bevor ich zu ihr gehe und mit ihr in einem Straßencafé noch kurz einen Cappucino trinke bevor wir uns auf den Weg zu den Duschen und dem Rad-Check-Out machen.

Ausrüstung: Portus Cycles Roadbike, 2XU Perform Trisuit, ASICS FuzeX mit Lock Laces, Sailfish Visorcap, Active3 Gel Kirsche.

2 Gedanken zu „Mitteldistanz-Debüt – Challenge Heilbronn 2016“

  1. War es das nun Wert?

    Auf jeden Fall ist deine Strategie ja fast aufgegangen. Auch wenn es mit Leiden verbunden war. Unter 5 Stunden. Das nenne ich mal fast eine Punktlandung. Super gemacht. Wirklich wahr! Nicht zu vergessen die Höhenmeter. Für eine erste Mitteldistanz ist das wirklich ein toller Wettkampf gewesen, wie ich finde.

  2. Hallo Nadin,

    Puh, ob es das Wert war? Das werde ich wohl noch in einem extra Blogpost verarbeiten müssen.

    Einen Sport ausprobiert zu haben, den man auf jeden Fall ein Mal in seinem Leben machen wollte und es nun für sich selbst „abhaken“ kann, das ist es vermutlich schon wert.

    Die neuen Disziplinen und damit verbundenen Erfahrungen und Reize, die Teamkollegen, die Art des Trainings und Abwechslung zum „nur“ Laufen sind bereichernd.

    Ob es länger „mein“ Sport sein wird, das weiß ich noch nicht und genau diese Unsicherheit macht es mir Schwer ein endgültiges Urteil zu fällen.

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