Nicht letzter!

Liebe Leser,
wie ihr in den letzten 9 Wochen verfolgen konntet wollte ich am 20. Juni das erste Mal in meinem Leben an einem Volkslauf teilnehmen und habe es wirklich auch realisiert. Aufgrund von anhaltender Unlust meines Körpers in den letzten Wochen (Probleme am Knöchel) war ich zwar nicht optimal vorbereitet aber naja – Ausreden sind aller Laster Anfang.

Die Fakten zuerst: Ich bin in der männlichen Hauptklasse (20-29 Jahre) nicht letzter geworden sondern liege in der Abschlusswertung auf dem 8. Platz (bei 9. Startern). Also trotzdem „nur“ Vorletzter. In der Gesamtwertung aller gestarteten Herren kam ich als 57. von 85. an.

Was das in der harten Währung von Zeiten und Geschwindigkeiten heißt: Für die (knapp) zehn Kilometer waren 47 Minuten und 16 Sekunden notwendig was ein Durchschnittstempo von 12,7 Km/h bedeutet.

Nun aber zu den wichtigen Sachen – wie der Lauf für mich war.

Vor dem Start

Es ist kurz vor zehn Uhr als ich am Vereinsheim Schwarzenberg ankomme. Unglaublich wie viele Autos hier um diese Zeit schon überall stehen. Klar, die Kinderläufe finden bereits statt aber trotzdem. Ich nehme meine Sachen und laufe gemütlich zur Anmeldung. Es ist alles so neu – schließlich ist es auch meine erster Lauf. Nach dem Umziehen sehe ich auf dem Parkplatz ein paar Bekannte Gesichter und geselle mich zu Ihnen. Eine halbe Stunde vor dem Start gehen wir uns Warmlaufen … mein Puls ist schon jetzt ziemlich hoch. Nicht gut. Mal schauen. Dafür ist das Wetter umso besser. Nicht zu warm und nicht zu kalt. Freundlicher Sonnenschein. Perfekt. Ich bin gespannt, ob meine Schuhe die richtige Wahl waren, die ich noch mit einer Luftpolstersohle bestückt habe, damit sie so richtig bequem sind. Habe nicht meine Asics Gel eingepackt sondern meine neuen, erst einige Male getragenen Nike Elite. Sie sind leichter und geben mir zur Zeit irgendwie ein anderes, subjektiv besseres, Laufgefühl und ich hoffe das Gefühl täuscht nicht.

Der Start und die erste Runde

Es ist kurz vor Dreiviertel Elf (Übersetzung d. Autors: Eine viertel Stunde vor 11 Uhr, 10:45 Uhr) als sich das Hauptfeld in Richtung Start und Ziel orientiert. Ein Bekannter erzählt noch, dass es am besten ist in der Mitte zu starten. Vorne ist das Risiko, dass man überpaced und es bricht einem die Moral wenn man oft überholt wird und zu weit hinten ist man zu lange mit überholen beschäftigt. Danke für den Hinweis 🙂 – wir stehen ganz hinten. Nachdem unsere Bürgermeisterin den Startschuss gegeben hat setzt sich der Tross in Bewegung. Ein Pulk von beinahe 120 Menschen schiebt sich auf einen schmalen Fahrradweg. Hundertvierzehn Leute, alle mit unterschiedlichen Trainingszielen und Motivationen. Manche nehmen im Rahmen des Alb-Nagold-Enz Cup teil und haben den sportlichen Ehrgeiz eine top Leistung zu bringen. Andere nehmen den Lauf einfach so mit. Für mich ist es die Umsetzung einer fixen Idee welche im letzten Herbst geboren ist. Es sind kaum 100 Meter gelaufen und mich nervt es an, dass ich so weit hinten stehe. Bei manchen macht es den Eindruck als wäre es Nordic Walking ohne Stöcke. Bitte zu dritt nebeneinander und leicht versetzt in zwei Reihen hintereinander damit man sie während des Laufs Gesprächs nicht überholen kann. Das nenne ich wirklich unüberlegtes Handeln. Man sollte doch wenigstens ein wenig Weg freilassen damit andere Läufer vorbeikommen. Ein wenig mehr Rücksicht im Leben, bitte! Ein klein wenig genervt bleibe ich hinter diesen Grüppchen und überhole bei Gelegenheit auf dem Grünstreifen (und immer mit der Angst im Hinterkopf, dass man sich da wirklich schnell verletzten kann). Mein Puls ist schon wieder sehr hoch – und das, obwohl doch gerade eine bergab-Passage ist. Ich habe wirklich Bammel davor zu überpacen. Gerade laufe ich noch mit einem Freund zusammen und überholen gemeinsam die eine oder andere Person und finden so langsam unsere richtige „Position“ in dem Starterfeld. Jetzt geht es diese kleine, hässliche Steigung zwischen den Wiesen hinauf. Weil mein Puls noch höher steigt beschließe ich ein wenig Tempo herauszunehmen und laufe ab nun alleine. So langsam ist die Aufregung vorbei – die Strecke ist bekannt, vor und hinter mir sind zwar Leute aber es kommt mir vor, als habe ich alles im Griff. Bei Kilometer 2,5 ist die Getränkestation aufgebaut, vielen Dank an die Freiwillige Feuerwehr, und ich lasse mir einen Becher mit Wasser geben. Beinahe etwas zu kalt (man merkt, ich bin Deutscher und finde überall ein Haar in der Suppe). Viel schlimmer: Es ist das erste Mal, dass ich während des Laufens trinke. Das es nicht einfach ist wusste ich. Dass es so schwierig ist wusste ich nicht. Ansonsten gibt es über die Runde kaum mehr etwas zu berichten. Der Lauf und ich liefen einfach halbwegs – aber immer mit der Angst, dass noch ein Einbruch kommt. Kurz vor dem Ziel schließe ich auf eine Läuferin auf – sie läuft mein Tempo, angenehm, also orientierte mich an Ihr und hoffe, mein befürchtetes overpacen so Eingrenzen zu können.
Meine Stoppuhr zeigt etwas mehr wie 24 Minuten an als wir durch Start und Ziel laufen. Das heißt in Digitalziffern soviel wie: Ordentliche Zeit aber in der zweiten Runde bin ich immer langsamer und so wird meine Finish-Zeit so nur ganz in Ordnung sein (für den ersten Lauf etc…) aber bestimmt nicht gut.

Auf in die Runde zwei

Wieder geht es über den Parkplatz, wieder den Fahrradweg herab. Es ist sehr angenehm mich an der Läuferin zu orientieren und hoffe, dass sie dieses Tempo so durchzieht. Leider ist dem nicht so, bei Kilometer 1,3 (ihr wisst schon, die kleine Steigung zwischen den Wiesen) behalte ich meinen Rhythmus bei uns überhole zwei oder drei Leute und hoffe, sie kommt nach. Tut sie nicht. Also wieder ohne Orientierungspunkt laufen. Während ich wieder auf dem langgezogenen Waldweg bergaufwärts laufe fällt mir auf, dass nur ein einziger Läufer mich in der zweiten Runde überholt hat (und der sogar noch in Sichtweise ist). Gutes Anzeichen dafür, dass ich es nicht zu schnell angegangen bin. Als es ein kurzes Stück in der Nähe einer Straße entlanggeht fahren Klassiker wie z.B. Porsche 356 und Mercedes Benz SLs vorbei – In einem Ort der Umgebung ist heute eine Oldtimerveranstaltung. Ja, in einem Cabrio würde es sich um die Zeit auch gut aushalten lassen. Denke ich mir so dabei. Egal, noch etwa 2 Kilometer bis zum Ziel. Ich weiß, dass wohl kein Einbruch mehr kommen wird und laufe einfach vor mich hin. Warum beendet man das Rennen nicht hier, würde von der Reihenfolge auch nichts ändern (welch naive Denkweise, aber egal 🙂 ) Ja, dort vorne geht es abwärts, die letzten 900 Meter kann man es einfach laufen lassen. Erst kurz vor dem Zielbereich macht es einen Knick, dass man diesen auch sieht. Es stehen tatsächlich eine ganze Menge Leute da und feuern einen an. Ist das nicht toll? Mich freut es. Wahrscheinlich sehe ich gerade aus wie der letzte Mensch aber so ischs ebe. Nach knapp 10 Kilometern darf man auch gerne ein wenig fertig aussehen.

Bei Gelegenheit werde ich mal noch ein paar Bilder einstellen aber leider sind jene vom Reutelauf 2009 noch nicht online und ich bin gerade auch zeitlich etwas eng unterwegs. Jedenfalls nochmals herzlichen Dank an alle Beteiligten vom TSV, der FFW und allen anderen von deren Engagement ich nichts: Ohne Euren Einsatz wäre der Reutelauf nicht so toll gewesen. Am Freitag geht es zum Enzauenparklauf nach Pforzheim und ich bin gespannt, ob eine „Großstadt“ mithalten kann. Falls ich bis nächsten Juni eine 45er Zeit schaffe bin ich wieder dabei! Sonst muss ich es mir stark überlegen 😉

7 Gedanken zu „Nicht letzter!“

  1. Es ist schön zu lesen, wie du deinen ersten Lauf beendet hast! Das ist eine tolle Erfahrung. Bringt richtig Spaß, den Bericht zu lesen. Besonders toll finde ich, dass du nicht übertrieben hast und den Stiefel ganz ruhig runtergelaufen bist. Das schafft nicht jeder.

    Und mit der Zielzeit kannst du wirklich zufrieden sein!

  2. Hallo Hannes, es freut mich, dass es dir Spaß gemacht hat den Bericht zu lesen. Das du überhaupt dazu kommst bei all der Abi-Feierei – respekt!

    Bis ich auf deine 41 Minuten komme bzw. die Pace auf einen Marathon durchlaufen kann (wie du in Lübeck) werde ich wohl trotzdem doch noch lange, sehr lange brauchen. Aber Spaß machts:-)

    Es ist immer schwierig, zufrieden zu sein wenn man trotzdem einer der schlechtesten ist (und das nicht gewohnt ist aus anderen Bereichen) selbst wenn man das eigene Ziel erreicht hat.

  3. Klingt doch prima, herzlichen Glückwunsch!

    Wenn du bei 120 Teilnehmern schon genervt bist, solltest du die ganz großen Veranstaltungen vielleicht erst mal meiden, den mit 16 000 Leuten auf der Piste kann´s zuweilen noch ein bisschen enger werden… 😉

    Gleichzeitig laufen und trinken ist nicht so gut, da braucht man viel Übung für – ich persönlich geh´ lieber immer ein bisschen nach den Versorgungsständen, das ist besser für den Magen und verhindert, dass allzuviel von dem Zeug auf dem Leibchen landet (mal ganz abgesehen davon, dass man bei den langen Distanzen irgendwann für jede Ausrede dankbar ist, mal ein paar Schrittchen gehend zurückzulegen).
    Und beim Zehner braucht man normalerweise ja eh nur was zu trinken, wenn mörderische Sommerhitze herrscht, ansonsten ist man da ja so schnell durch, dass kaum Durst aufkommen kann.

    Und Gepiense über Finish-Zeiten die „nur in Ordnung sind, aber nicht gut“ ist nix für echte Männer, da läuft man einfach weiter und denkt nicht drüber nach… 😉 😀

    Gruß

    Matthias

  4. Ja, deinem Rat werde ich gerne folgen und die Veranstaltungen mit vierstelligen Teilnehmerzahlen meiden … weil das kann ich wirklich (noch) nicht haben …

    Ja das mit dem weiterlaufen habe ich mir auch überlegt: Einfach durch das Ziel hindruch und rumschreien, dass ich noch viel zu viel energie habe und einfach nochmal 2 Runden hinterherlege und einen Halbmarathon draus mache 😉 … vor mir waren ja eh nur Sportneurotiker 😀 Setzt du dir keine „Das wäre es schön zu erreichen-Zeiten“?

  5. Nein, eigentlich hab´ ich keine echten Zielzeiten mehr – wenn´s mal richtig schnell ist für meine Verhältnisse, freu´ ich mich natürlich drüber, aber drauf hinarbeiten tu´ ich nicht mehr.

    Der Hauptgrund dafür liegt in der Tatsache, dass ich ein furchtbarer Streber bin – ich bin immer gerne einer der Besten, wenn ich was mache.
    Und weil das bei den herkömmlichen Erfolgskriterien beim Laufen (Geschwindigkeit und Distanz) einfach nicht drin war – weil ich alt und dick und untalentiert bin und viel zu kurze Beine hab´ und außerdem nicht den brennenden Ehrgeiz, brutal auf Tempo und/oder Ausdauer zu trainieren – hab´ ich für mich einfach die Erfolgskriterien geändert:
    Ob man ein guter Läufer ist oder nicht, entscheidet sich jetzt vornehmlich daran, was man alles entdeckt und erlebt und wie weit man dabei rumkommt.

    Nicht ohne Stolz kann ich mit Fug und Recht behaupten, einer der besten Läufer in der deutschen Blogosphäre zu sein…
    😉 😀

    Gute Lektion für´s Leben: If you can´t beat the rules, change´em (or cheat, but that´s not very nice…)! 🙂

  6. Ja, das mit dem Streber und wenigstens vorne dabei sein können und das Problem, dass es beim Laufen wohl nicht möglich ist geht mir genau so. Bin auch zu groß und schwer – einfach zu viel träge Masse, die transportiert werden muss für einen so athletischen Sport – um wirkliche Topzeiten in die Erde zu rennen.

    Kennst du rasierte Stachelbeeren von Sawtschenko oder Brandtner on Branding? Die sagen auch “ suchen sie sich eine Nische “ bzw. “ Dinge anders anpacken führt zum Erfolg“ – du hättest wohl deine Freude daran.

    Ja, und du kannst das wirklich mit Fug und Recht behaupten weil deine tollen Laufberichte wirklich klasse sind!

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